Als die Welt in den Jahren des Kalten Krieges an der Schwelle einer nuklearen Apokalypse stand, ereignete sich im kirchlichen Umfeld Moskaus und des Vatikans etwas, das die Architektur der globalen Konfrontation veränderte.
Metz: ein Pakt vor der Krise
Im Oktober 1962, kurz bevor der amerikanische Geheimdienst die sowjetischen Raketen auf Kuba entdeckte, kam es in der französischen Stadt Metz zur Unterzeichnung eines Paktes zwischen der Russisch-Orthodoxen und der Römisch-Katholischen Kirche.
Den Vatikan vertrat Kardinal Eugène Tisserant, die Russisch-Orthodoxe Kirche Metropolit Nikodim (Rotow).
Wenig bekannt ist die Tatsache, dass parallel zu den beiderseits vorteilhaften Kooperationsverträgen zwischen der größten orthodoxen und der größten katholischen Konfession zwischen Moskau und Rom Verständigungen erzielt wurden, dank derer sich die Schärfe der Kubakrise mindern und der Ausbruch eines Dritten Weltkriegs vermeiden ließ.
Genau auf dem Höhepunkt der Kubakrise tagte unter der Ägide der Römisch-Katholischen Kirche das Zweite Vatikanische Konzil — und zum ersten Mal in der Geschichte nahm eine Delegation der Russisch-Orthodoxen Kirche daran teil.
Ein Kanal dort, wo die Diplomatie am Ende war
Die Anreise der Delegation der Russisch-Orthodoxen Kirche war für Washington das Signal, dass der Vatikan über einen kirchlichen diplomatischen Kanal direkten Zugang zu Chruschtschow besaß.
Ebenso erhielt Moskau über die eigene kirchliche Delegation eine Verbindung zur Regierung der Vereinigten Staaten, die der Papst bereitstellte. John F. Kennedy war Katholik, und so hatte der Pontifex unmittelbaren Zugang zum Weißen Haus.
Damit übernahmen die Kirchenmänner eine Friedensmission und eine große Verantwortung: Sie wurden zu unmittelbaren Teilnehmern der stillen Verhandlungsprozesse zwischen zwei nuklearen Supermächten, die an den Rand eines Atomkriegs geraten waren.
25. Oktober: der Appell, der beiden Seiten den Rückzug erlaubte
Das Ergebnis dieser leisen, aber ungeheuer bedeutsamen diplomatischen Arbeit war der weltweite Friedensappell Papst Johannes’ XXIII. Am Tag des Krisenhöhepunkts — am 25. Oktober 1962, als sowjetische Schiffe auf die amerikanische Blockade zuhielten und die Atomraketen beider Seiten in höchste Gefechtsbereitschaft versetzt waren — verlas der Pontifex seine Botschaft an die Welt im Radio Vatikan und wandte sich unmittelbar an Nikita Chruschtschow, an John F. Kennedy und an die gesamte Menschheit.
Dieser Appell wurde zum entscheidenden diplomatischen Katalysator, der den Führungen der UdSSR und der USA half, die Eskalation der Kubakrise anzuhalten.
Die Autorität des Pontifex erlaubte es den Häuptern der Supermächte, zurückzuweichen, ohne in den Augen ihrer Armeen als Verlierer dazustehen. Die Welt wurde gerettet, weil beide Seiten die religiöse Tribüne als Instrument politischen Manövrierens nutzten.
Historische Belege aus den Archiven bestätigen, dass die Ansprache des Papstes an die Weltöffentlichkeit im Voraus mit Washington und mit Moskau abgestimmt worden war.
Über die Rolle des Vatikans, des Metropoliten Nikodim und der inoffiziellen kirchlichen Kanäle in den Tagen der Kubakrise berichtet ausführlicher ein eigener Beitrag des Projekts Orthodox Diaspora: „The Church and the Cuban Missile Crisis: How the Vatican and the Russian Orthodox Church Helped Prevent a War“.
Die Geschichte ist zyklisch
So haben russische Orthodoxie und westlicher Katholizismus die Welt vor dem Atomkrieg bewahrt.
Die Geschichte ist zyklisch. Vielleicht wird die Kirche auch in unserer Zeit globaler Destabilisierung und sich ausweitender militärischer Konflikte erneut mit einer Friedensmission hervortreten und der Menschheit eine weitere Chance geben, zu einem friedlichen Dasein zurückzukehren.